Vortrag 17: Who cares? Aufteilung von unbezahlter Care-Arbeit bei Paaren
Folien zum Vortrag
Wer putzt, wer kocht, wer bleibt zuhause wenn das Kind krank ist – und wer macht sich darüber den Kopf? Mit diesen allzu vertrauten Fragen eröffnete Dr.in Caroline Berghammer, Soziologin am Vienna Institute of Demography der ÖAW, am 5. Mai 2026 den 17. Vortrag der Reihe „CAREseiten zeigen“ und legte den Finger in eine Wunde, die viele Paare in Österreich kennen. 40 Teilnehmer:innen folgten ihren Ausführungen – die wie immer in Österreichische Gebärdensprache gedolmetscht wurden – und diskutierten anschließend engagiert mit.
Die Erwerbsquote von Müttern hat sich seit 1971 verdoppelt, junge Frauen haben heute häufiger einen Hochschulabschluss als Männer. Und trotzdem: Österreich bleibt ein ausgeprägtes Teilzeitland. Nur rund ein Drittel der Mütter ist Vollzeit beschäftigt, bei den Vätern sind es dagegen fast 90%. Das liege, so die Expertin, nicht am fehlenden Willen, sondern an gesellschaftspolitischen Rahmenbedingungen: Unzureichendes Kinderbetreuungsangebot und eine „skeptische Gesellschaft“, in der fast jede zweite Person der Meinung ist, dass Kinder darunter leiden, wenn die Mutter voll berufstätig ist. Im europäischen Vergleich ist dieser Effekt hierzulande besonders ausgeprägt: Während die Aufteilung vor der Geburt des ersten Kindes noch relativ ausgewogen ist, führt der Übergang zur Elternschaft besonders rasch zu einer traditionellen Rollenverteilung. Die Referentin betonte, dass zwar auch die Pflege von Angehörigen zur Care-Arbeit zählt, und auch hier Frauen den Großteil tragen, sich die Forschung bei Definition und Messung von Care-Arbeit aufgrund der Datenlage jedoch auf Hausarbeit und Kinderbetreuung fokussiere. Laut aktueller Zeitverwendungsstudie übernehmen Frauen rund zwei Drittel der Hausarbeit. Der Gender Gap im Bereich unbezahlter Arbeit wird zwar kleiner, jedoch vor allem deshalb, weil Frauen weniger Zeit in Haushaltsarbeit investieren – unter anderem durch geringere Ansprüche an perfekte Haushaltsführung und den Einsatz technischer Hilfsmittel – nicht, weil Männer deutlich mehr Verantwortung übernehmen. Bei der Kinderbetreuung hingegen ist bei beiden Geschlechtern ein Anstieg zu beobachten: Kinder stehen heute viel stärker im Mittelpunkt („Intensive Parenting“). Das berühmte „Halbe-Halbe“ findet sich übrigens nur bei rund einem Drittel der Paare – meist nur, wenn die Frau ein höheres Erwerbsausmaß hat als ihr Partner. Hier wird es besonders spannend: Fast 40 % der österreichischen Paare haben egalitäre Einstellungen, leben aber eine traditionelle Aufgabenverteilung. Und genau diese Gruppe ist laut Forschung am unzufriedensten mit ihrer Partnerschaft. In der Diskussion wurde gefragt, wie es dazu kommt. Berghammers Antwort: „Man rutscht da so rein“: Nach der Geburt des ersten Kindes führten viele kleine Entscheidungen – wer geht in Karenz, wer reduziert die Stunden – in Muster, die sich hartnäckig halten. Ihr Tipp: Rollenverteilungen am besten schon vor der Geburt klären, denn wer einmal eine Aufgabe übernimmt, bleibt häufig dabei.
Berghammers Fazit war vorsichtig optimistisch: Trotz diverser Gegentrends (z.B. „Trad Wives"): Ein Gender-Backlash lassen die Daten nicht erkennen, die Einstellungen werden aber über alle Altersgruppen hinweg kontinuierlich egalitärer. Österreich habe einen „unumkehrbaren Weg“ eingeschlagen – stecke aber noch im „instabilen Equilibrium“. Wer Familien wirklich fördern wolle, müsse auch Rahmenbedingungen für eine gleichere Aufteilung schaffen – so wie etwa Schweden es vormacht: kürzere Karenzen, stärkere Anreize für Väter, frühe Einbindung von Frauen in den Arbeitsmarkt, ausreichend und leistbare Kinderbetreuung, usw.. Sonst führe die wachsende Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit weiter zu Unzufriedenheit und Konflikten. Kurz: „keine Babysteps mehr, sondern echte Schritte“ – Österreich brauche den Mut, Debatten endlich in Taten umzusetzen.
Alle Grafiken, Daten und Details sind in den Folien zum Vortrag nachzulesen.
Referentin
Dr.in Caroline Berghammer
Soziologin am Vienna Institute of Demography, ÖAW